Nutzen und Gefahren des Zuckers

Zucker

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Bild Joseph Birrer

Eric Haberthür

Eric Haberthür

Bild ZVG Heilpraktikerschule Luzern

Kein Gesundheitsthema bewegt momentan die Medien mehr als die Risiken und Nebenwirkungen unseres geliebten Zuckers. Verteufelung oder sinnvolle Information? Da trifft es sich, dass Eric Haberthür, WestMed-Dozent an der Heilpraktikerschule Luzern, über Nutzen und Gefahren des Zuckers spricht.

Was sind die Vorteile von Zucker?

Eric Haberthür: Zucker ist, neben Fett, der wichtigste Energielieferant. Unsere Körperzellen produzieren damit Energie, die unser Stoffwechsel einfach braucht. Sonst funktioniert er nicht. Unser Körper stellt dazu auch selber Zucker her, zum Beispiel aus Eisweiss, und speichert ihn in der Leber. Dies in seiner einfachsten Form, also als Glukose.

Auch fürs Lernen, also fürs Gehirn, soll Zucker sehr wichtig sein.

Ja, das Hirn kann seine Energie nur aus Zucker, also Glukose, herstellen und braucht deshalb eine ständige Versorgung damit. Das Hirn kennt ja keine Pausen, da ist immer etwas los. Falls zu wenig oder kein Zucker mehr im Blut vorhanden ist, kommt es zu einer Hypoglykämie, also einer Unterzuckerung.

Wie merke ich das?

Die Symptome sind z.B. Nervosität, vielleicht zitterst du auch. Und in ganz schweren Fällen kommt es zu Ohnmacht und Krampfanfällen. Das ist dann aber extrem, da müssten auch die Vorräte in der Leber aufgebraucht sein. Oder irgendetwas mit der Weiterleitung nicht stimmen.

Wie sieht es mit Nachteilen aus?

Wie schon Paracelsus sinngemäss sagte: Nichts ist Gift, alles ist Gift, die Dosis macht’s. In diesem Sinne können bei langfristiger hochdosierter Zuckereinnahme sicher Krankheitsbilder und Störungen entstehen. Häufig sind sicher Adipositas und Diabetes mellitus Typ 2, also Übergewicht und Zuckerkrankheit. Kombiniert sich das mit anderen Symptomen, haben wir ein metabolisches Syndrom. Und klar, Karies und ein Abhängigkeitsyndrom mit Entzugserscheinungen sind möglich. Diskutiert wird auch ein Einfluss auf die Krebsentstehung.

Worum handelt es sich beim metabolischen Syndrom genannt?

Das ist eine Zivilisationskrankheit, sie entsteht durch die Kombination von zu viel hochkalorischer Nahrung, das sind vor allem Nahrungsmittel mit Industriezucker, und Bewegungsmangel. Das metabolische Syndrom ist ein grosser Risikofaktor bei der Entstehung von Herzinfarkt und Schlaganfall, die ja zu den häufigsten Todesursachen in unserer westlichen Welt gehören.

Wie merke ich, ob ich ein metabolisches Syndrom entwickle?

Es kombinieren sich folgende Störungen: Insulinresistenz mit Diabetes mellitus, Hypertonie, also hoher Blutdruck, Adipositas, vor allem um den Bauch, dazu Störungen des Fettstoffwechsels, z.B. hohes Cholesterin. Der Hausarzt kann die Symptome ziemlich eindeutig feststellen.

Zu viel Zucker, zu wenig Bewegung also?

Ja. Medizinisch führt das dazu, dass das Insulin nicht mehr richtig wirkt. Der Blutzuckerspiegel bleibt hoch und das schädigt auf lange Frist die Blutgefässe und das Immunsystem. Gleichzeitig bleibt das Insulin im Blut, der Insulinspiegel ist pathologisch erhöht. Medizinisch heissen diese Phänomene Insulinresistenz und Hyperinsulinämie. Insulin ist das Hormon, das die Aufnahme von Zucker in die Körperzellen fördert und somit den Blutzuckerspiegel senkt und den Aufbau von Körpergewebe wie z.B. Fett fördert. Medizinisch gesprochen: Insulin wirkt anabol.

Können sie das genauer erklären?

Also, bei einer Insulinresistenz bleibt der Blutzuckerspiegel hoch. Deswegen wird auch permanent Insulin produziert, und das heisst, der Insulinspiegel bleibt ebenfalls hoch. Deshalb neigt man dazu, Fettgewebe aufzubauen, und zwar wegen dieser anabolen Wirkung des Insulins. Es ist jetzt sehr schwierig abzunehmen. Ein richtiger Teufelskreis entsteht.

Wie genau sieht dieser Teufelskreis aus?

Das Ziel wäre ja klar: Man musst den Insulinspiegel senken. Das kannst man durch Bewegung und dadurch, dass man nichts isst. Sobald man aber wieder etwas isst, vor allem Kohlenhydrate, nimmt man eher wieder zu, weil der Insulinspiegel wieder gestiegen ist – als Reaktion auf den wieder erhöhten Blutzuckerspiegel.

Was also tun?

Um da raus zu kommen, braucht es genügend und regelmässige Bewegung und eine Ernährungsumstellung. Das ist ganz wichtig. Ich sage nicht Diät, denn es geht nicht um eine Diät. Es geht um eine dauerhafte Änderung der Ernährung, des Lebensstils.

Weg vom Zucker.

Ja, weg von schnellen Kohlenhydraten. Low-Carb-Ernährungsweisen haben sich als erfolgreich erwiesen, verbunden mit Bewegung. Der Erfolg stellt sich aber nicht übers Wochenende ein, es ist auch keine Zwei-Wochen-Diät aus einer Zeitschrift. Es braucht da schon ein paar Wochen Durchhaltewillen, Gelassenheit und Geduld, bis man die ersten Erfolge siehst.

Und wann stellt sich der Erfolg ein?

Erst nach ein paar Wochen. Dazu muss man seinen Alltag umstellen: die Ernährung planen und täglich sein Essen mit ins Büro nehmen und heiter und gelassen bleiben, wenn man neben seinen KollegInnen sitzt, die sich in die Spaghetti stürzen. Mit all dem muss man klar kommen. Und das für lange Zeit. Gleichzeitig muss man auch noch Bewegung in den Alltag integrieren.

Zumal es bei der Bewegung wohl nicht um einen Spaziergang geht?

Ja, der Puls muss schon in die Höhe. Eher Richtung Cardio-Training. Als Anfang oder dann auch unterstützend, kann ein etwas aktiverer Alltag sein: ein flotter Spaziergang nach dem Essen. Statt die vier Stationen mit dem Bus zu fahren, einfach laufen. Ab und zu vom Schreibtisch aufstehen und einen Kaffee holen, ohne Zucker. Aber irgendwann muss man regelmässig über Bewegung ins Schwitzen geraten, zumindest in ein leichtes Schwitzen. Mein Tipp: Mit dem Hausarzt einen Plan machen, dazu eventuell sogar regelmässige psychologische Beratung oder Coaching.

Zurück zum Zucker. Oft wird ja von einem Calcium- und Vitamin-B1-Mangel gesprochen, den es wegen Zucker geben soll. Wie ist das?

Vitamin B1 wird im Energiestoffwechsel gebraucht, also z.B. für den Abbau von Zucker. Es scheint daher möglich, dass durch hohen Zuckerkonsum auch ein erhöhter Bedarf an diesem Vitamin entsteht.

Und woran würde man das merken?

Symptome eines Mangels wären z.B. Müdigkeit, Gedächtnisstörungen und Sensibilitätsstörungen. Ob aber der Zusammenhang von hohem Zuckerkonsum und Vitamin-B1-Mangel auch tatsächlich eine wissenschaftliche Grundlage hat, müsste ich erst prüfen.

Was ist mit Frühstücksflocken und Süssgetränken?

Häufig enthalten sind Sacharose, das ist Zweifachzucker aus Fructose und Glukose. Auch häufig sind Fructose und Glukose als Einfachzucker, das heisst oft auch Glukosesirup, und andere Süssungsmittel. Welche Zuckerarten genau sich in unseren Nahrungsmitteln befinden, ist eine grosse Frage. Dazu muss man die Inhaltangaben, besser noch die Zusammensetzung, falls vorhanden, beachten. Um diese dann zu verstehen, empfehle ich ein Studium als NahrungsmitteltechnologIn.

…schauen wir uns die Grundstoffe an. Was ist besser: Fructose oder Glukose?

Das ist bereits eine schwierige Frage: Fructose kann zwar insulinunabhängig in die Zellen aufgenommen werden. Auf den ersten Blick scheint das ja positiv in Hinblick auf den Insulinspiegel und die Entstehung eines Diabetes mellitus zu sein. So hat man Fructose deshalb lange Zeit zum Süssen von Diät-Lebensmitteln empfohlen.

Jetzt kommt das Aber.

Oh, ja. In den USA wurde und wird deswegen Fructose im grossen Stil als Süssungsmittel eingesetzt. Jetzt zeigen aber Studien, dass hier wahrscheinlich der Teufel mit dem Belzebub ausgetrieben wurde. Der hohe Fructoseanteil in den Lebensmitteln scheint mitverantwortlich zu sein für die starke Zunahme des metabolischen Syndroms in den USA. Zudem leiden viele Menschen unter einer Fructoseintolerenz, d.h. sie bekommen Verdauungsprobleme durch den Fruchtzucker. Glukose scheint da weniger Probleme zu machen.

Anderes Thema, Traubenzucker, reine Glukose also. Soll ich an einer Prüfung Traubenzucker nehmen, damit mein Hirn gut läuft?

Ja, klar macht dies Sinn, sicher!

Habe ich nicht genug in der Leber gespeichert?

Schon, aber der Speicher reicht nicht lang, vielleicht sind da zehn Gramm drin. Das reicht für den Tagesgebrauch, je nach dem, wie du gegessen hast.

Wie stehen sie zu Zucker?

Wie schon erwähnt, macht die Dosis das Gift und somit trinke ich ab und zu sogar zuckerhaltige Süssgetränke. Ohne schlechtes Gewissen.

7.5.2018

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