Rafael Martínez bruzzelt an einem Kochbuch

Rafael Martínez

Rafael Martínez

Rafael Martínez, rechts im Bild. Links im Bild ein weiterer Spanier: Salvador Dalis Sohn. Bild ZVG Art Deco Hotel Montana Luzern

Es war kurz nach Weihnachten. Den Einkauf in der MIGROS hinter mir, torkelte ich durch die Hertensteinstrasse. Nicht weil ich frühmorgens schon besoffen war, sondern weil ich schlicht und einfach eine der schlimmsten Grippen meines Lebens und die Nachwirkungen des ebenso grauenhaften wie nützlichen Enzianwurzeltees noch immer in den Knochen spürte. Plötzlich kam mir in der beinahe menschenleeren Gasse ein kleiner, dicklicher Mann mit schütterem Haarwuchs entgegen, dessen Namen wir hier nicht nennen wollen, und sagte: «Hey! Tschau, wie geht’s denn Dir und was machst Du da in der Hertensteinstrasse?»

Ich sagte «Hallo Silvan. Mir geht’s beschissen und ich bin hier in der Hertensteinstrasse um zu sterben.» Als waschechter Hypochonder lasse ich nicht mal einen leichten Schnupfen ohne Todesängste an mir vorüberziehen. Aber diesmal waren meine nekrophilen Hirngespinste tatsächlich angebracht. Die Grippe hatte es in sich. Abgemagert durch den zweiwöchigen Einheitsbrei von Haferschleimsüppchen und Enzianwurzeltee sah ich einem Gespenst ähnlicher denn einem Hollywoodstar.

Dem äusserst sensiblen jungen Mann waren meine äusserlichen Veränderungen nicht verborgen geblieben und er meinte im Sprachduktus eines Franziskanermönchs und mit der Stimmlage einer barmherzigen Schwester vom Kloster Ingenbohl: «Komm, ich lade Dich ein zu einem Kaffee in der Buchhandlung Stocker. Das tut Dir gut.» Gesagt getan. In der Tat: der Kaffee tat mir wirklich gut und weckte meine Lebensgeister. Ich fühlte mich plötzlich wie neu geboren. Dass ich den Kaffee dann doch selber bezahlen musste, konnte meinen euphorischen Stimmungswandel auch nicht wirklich negativ beeinträchtigen. Altruismus und Manipulation sind eben nicht unbedingt kommunizierende Röhren. Aber beide entfachen im Paarlauf häufig die gewünschte Wirkung. Vor allem dann, wenn Silvan den Ablauf zwischen Altruismus und Manipulation bestimmt.

Es kam wie es kommen musste. Da Silvan weiss, dass mir Bücher heilig sind, flötete er mit einer Engelsstimme sondergleichen: «Lass uns noch schnell ein Buch anschauen, das ich Dir unbedingt zeigen möchte.» Als eben noch Todkranker folgte ich der Nötigung des jungen Mannes in die oberen Stockwerke der Stocker-Buchhandlung, Abteilung Kochbücher. Hurtigen Schenkels marschierte Silvan mit seinen kurzen Beinchen auf einen Bücherstapel zu, zupfte ein Exemplar heraus und hielt es mir vor die Nase.

Ein wunderschönes Buch. Ein Kochbuch. Gestalterisch eine Augenweide. Ein Bildband. Perfekte Fotos, wie es sie perfekter nicht geben kann. Text und Bild als grafische Symbiose kunstvoll gestaltet. Buchformat irgendwie und irgendwo zwischen A4 und A3. Inhalt vielleicht 50, 60 oder 70 Seiten. So genau weiss ich das nicht mehr. Preis CHF 59.00. Trotz zweiseitiger EMMI-Panoramawerbung im Schlussteil des Buches. Ein stolzer Preis.

Humphrey Bogart

Casablanca

Schau mir in die Augen, Kleines.

Humphrey Bogart in «Casablanca»

«Toll», meine entzückte Ansage. Doch der ketzerische Teil folgte sogleich. «Wer kauft sowas?» Diese Frage konnte Silvan, der doch sonst (fast) alles weiss, beim besten Willen nicht beantworten. Warum nicht gleich die Verkäuferin fragen? Die Gute stand ja lediglich ein paar Schritte entfernt von uns und der Kundenansturm hielt sich nicht nur in Grenzen, er war gar nicht vorhanden. Wer kauft denn schon am frühen Vormittag ein Kochbuch? Ich pirschte mich an die Dame mittleren Alters heran und begrüsste sie formvollendet, indem ich die Stimme Humphrey Bogarts nachahmte: «Schau mir in die Augen, Kleines.» Wie Humphrey Bogart im Klassiker «Casablanca». Den Spruch sollten Sie unbedingt draufhaben. Ab einer gewissen Altersklasse, also so kurz vor der Pensionierung und Stützstrümpfen, funktioniert der immer. «Wie viele Exemplare haben Sie von diesem tollen Kochbuch bisher verkauft, schöne Göttin der Morgenröte?» Solch eine Begrüssung hatte sie noch nie gehört. Göttin der Morgenröte. Sie schaute mich verzückt an und ich spürte es: It must be Love. Sie will mich. Begehrt mich. Ich war in ihrem Beuteraster gelandet. Augenblicklich. Ungefähr so stelle ich mir den Urknall vor, sollte es ihn tatsächlich je gegeben haben. Ihr gräulicher Schnurrbart, manche nennen sowas auch Damenbart, vibrierte leicht vor Erregung. «Warten Sie einen kleinen Moment, ich muss im Computer nachsehen.»

Mit einem eleganten Hüftschwung und einem bezirzenden Lächeln, das ich nie vergessen werde, verschwand sie hinter dem Tresen und hackte mit ihren Fingern wie wild auf der Tastatur ihres Computers herum. Plötzlich schaute sie auf, schubste ihre Lesebrille wieder zurecht, die ihr bei der Hackerei auf die Nasenspitze gerutscht war, schaute mich liebevoll und mit begehrlichen Blicken an und sagte mit einer unendlichen Enttäuschung in ihrer Stimme: «Keines.» Das schlug bei mir ein wie der berühmte Blitz ins Erdbeerbüschchen. Ich glaube, ich war von dieser Hiobsbotschaft noch mehr getroffen als die Verkäuferin. Keines. Das ist ja schlimmer als Null. Eine Null stellt immerhin noch eine Null dar. Steht für etwas. Eine Grösse, eine mathematische Zahl, die man sich vorstellen kann. Aber «keines» tönt irgendwie wie, ja, wie denn nur? Wie ein Terroranschlag ohne Allahu akbar? Wie eine Bombe, die nicht explodiert? Etwas, das man niemals fassen kann? Verloren in einem verstaubten Bücherregal? Und erst noch eine EMMI-Werbung für nix und wieder nix? Productplacement vom Feinsten wie Perlen vor die Säue geworfen?

Ich konnte es nicht fassen. Lady Macbeth neben mir ebenso wenig. Endlich waren wir beide, dem Shakespearschen Drama gleich, vereint. Vereint in unserer Fassungslosigkeit. Selbst Silvan verharrte in einer Schockstarre. Unfähig, auch nur ein einziges Wort hervorzubringen. Zeit, die Stocker-Buchhandlung zu verlassen. Wir verabschiedeten uns von der unglücklichen Verkäuferin. So ganz im Sinne von «Sag’ zum Abschied leise Servus».

Zurück auf der Hertensteinstrasse fanden wir langsam unsere Fassung wieder. Doch der Keule der Verkaufszahlen konnten wir nicht entfliehen. «Keines». Das Wort hat sich im Zusammenhang mit Kochbuch-Verkaufszahlen derart in meinen Gehirnwindungen eingenistet, dass ich nun des Öfteren mal in einer Buchhandlung explizit danach frage. Das Fazit ist erschreckend. Die meisten dieser aufwändig und mit viel Verstand, Können und Liebe produzierten Kochbücher liegen wie Blei in den Verkaufsregalen. Selbst ein Jamie Oliver hat den Peak längst überschritten. Die fünfstelligen Verkaufszahlen in der Schweiz sind weg und bewegen sich nur noch Richtung zweistellig. Also zwischen 70 und 80. Wohlverstanden.

Lady Macbeth

Come, you spirits

That tend on mortal thoughts, unsex me here

And fill me from the crown to the toe topfull

Of direst cruelty.

Lady Macbeth in William Shakespeares «Lady Macbeth»

Und nun lese ich heute bei 20Minuten, Abteilung Innerschweiz und feurige Spanier, dass der spanische Spitzenkoch Rafael Martínez, genannt «El Niño», derzeit an einem Kochbuch schreibt. Ausserdem strebt er nach zwei Michelin-Sternen. Von April bis Juni dieses Jahres kreierte er im Hotel Montana extravagante Gerichte und schwingt nun seinen Kochlöffel im Restaurant Mill’Feuille am Mühlenplatz in Luzern.

Laut eigenen Aussagen will der Sternekoch seine Küche allen Leuten näherbringen. Was eignet sich dazu besser als ein Kochbuch? Darin sollen spezielle Tapas beschrieben sein, die man zu Hause einfach nachkochen kann. Die Frage, die mich nun bewegt: Hat die Welt wirklich darauf gewartet?

Die (wenigen) Kommentare zum Artikel in 20Minuten geben kleine Hinweise. So schreibt Leserin Miri: «Wenn ich mein Essen einfach mit nutzlosen Blütenblättern überschütte, sieht es genauso aus. Und es schmeckt sicher nicht schlechter. Er macht gar nichts Neues. Er übertreibt nur alles. Hat für mich mit Kochen und Genuss nur wenig zu tun, mehr mit Selbstinszenierung.» Master Mind schreibt: «Toll und jetzt rennen alle Schickimicki-Hipster und Hipsterinnen in eben diese Lokale und bezahlen Fr. 87.50 für ein Rindsfilet mit drei Möhrchen auf dem Teller.» Prophet nimmt’s mit Humor: «Wenn meine Frau so gut kochen könnte, müsste ich auch weniger auswärts essen ;-).» Jpo26 wiederum weist Miri mit vielen Schreibfehlern in die Schranken: «Die nutzlosen Blütenblätter haben auch einen Eigengeschmack und beinflussen unter anderem das Gericht. Der Amateur streut Blüten über den Teller, der Profi verleit damit seinem Gericht Finesse weil hinter jeder exalt platzierten Blüte auf dem Teller eine Überlegung steckt. Wenn Sie lieber bei Schnipo im Restaurant Sternen in Hintertupfiken essen gehen ist das Ihre Sache. Doch finde ich es hier nicht angebracht, das Talent eines Ausnahmekönners in Frage zu stellen. Dies wäre nur schon anhand der unzähligen besternen Stationen in seinem Lebenslauf nicht gerecht.»

Philipp Tresch

Wir Köche kommen nicht von den Sternen.

Philipp Tresch

Immerhin Jpo26 verteidigt den feurigen Spanier. Aber ob er/sie/es auch das Buch kaufen wird? Ein Sommerloch-Artikel, mit etlichen Klischees («feuriger Spanier») behaftet und mit einer anbiedernden Anhänglichkeit geschrieben als ob’s ein bezahlter PR-Artikel wär, macht noch lange keine Schwalbe, genauso wie eine Schwalbe keinen Sommer macht. Und ein «Sternekoch» schreibt noch lange keinen Bestseller. Philipp Tresch, der bekannte Gau-Millaut-Koch aus Luzern, bekannt für seine Kochkünste ebenso wie für seine unglaublich kreativen Wortschöpfungen und seine Wortgewalt, sagte mir einmal: «Hör auf mit diesem stumpfsinnigen Wort «Sternekoch». Wir Köche kommen nicht von den Sternen. Wir stehen mit beiden Beinen in den Küchen und geben unser Bestes. Wer ein Sternekoch sein will, sollte bei einer ausserplanetarischen Raumstation andocken.» Etwas herb unnd derb, aber deswegen muss es ja trotzdem nicht unwahr sein.

Als einer, der mit seinen zehn wohlgeformten Fingern das berühmteste und meistverkaufte Rockbuch der Schweiz «Hunde wollt ihr ewig rocken» von Chris von Rohr seinerzeit nicht nur getippt, sondern auch gelayoutet hat, möchte ich dem sympathischen Spanier Rafael Martínez trotzdem keine Ratschläge erteilen. Der gewaltige Erfolg von «Hunde wollt ihr ewig rocken» fand vor mehr als dreissig Jahren statt. Tempi passati, wie wir Lateiner zu sagen pflegen. Die Zeiten sind nicht nur vorbei, sie haben sich auch gewaltig gewandelt. Genauso wie der Buchmarkt. Von Rohr war damals genau im richtigen Zeitfenster. Das beweist der Auflage-Flop seines zweiten Buches. Von Krokus aus der Band geschmissen, hatte er schon mal den Mitleidseffekt auf seiner Seite. Er war ein grosser Star, eine Mediennutte par exzellence und verfügte über eine Wort- und Erzählgewalt, wie sie nur wenigen von den Göttern als Talent mit auf den Weg gegeben wird. Und er hatte eine Geschichte, die sich vom Fusse des Juras bis nach Los Angeles zog. From the Ghetto to the Beverly Hills. Eine Geschichte, die damals an Aktualität, Brisanz und Wortwitz, aber auch Frechheit, nicht zu übertreffen war. «Hunde wollt ihr ewig rocken» hat Geschichte geschrieben. Ich war nur ein kleines Rad. Aber ein wichtiges. Und ich bin heute noch stolz darauf, dass wir damals allen Unkenrufen zum Trotz (kein Verlag fand sich bereit, das Buch herauszugeben) gezeigt haben, wie Storytelling geht. Und was ist heute, 30 Jahre danach, eine der Kronen im Marketingbereich? Storytelling! Nicht, dass von Rohr und ich Storytelling erfunden hätten. Nein, mit fremden Federn muss sich nach diesem Erfolg niemand schmücken. Weder von Rohr noch ich. Aber wir haben intuitiv gespürt, in welche Richtung Storytelling geht, lange bevor der Ausdruck überhaupt bekannt war.

Chris von Rohr

Tschöen, es ist viel einfacher, einen schwierigen Song zu schreiben als einen einfachen.

Chris von Rohr in Anspielung auf den «einfach aufgebauten» Krokus-Mega-Hit «Bedside Radio»

Ich wünsche Rafael Martínez, dass er sich einen guten Berater an seine Seite holt und sich die richtigen Fragen stellt. Reicht sein Bekanntheitsgrad in Luzern aus, um ein Buchprojekt zu starten? Mit den paar Montana-Gästen lässt sich jedenfalls keine Auflage erzielen. Und er sollte sich auch nicht Fritz Ernis Onlinewahn hingeben. Was macht sein Buch einzigartig (unique, im Marketingdeutsch)? Wie sieht es aus mit dem Storytelling? Was kann der Spanier seinen Leserinnen und Lesern erzählen, was nicht schon tausendmal durch den Blätterwald geirrt ist? Artikel, wie dieser aus 20Minuten, reissen jedenfalls niemanden vom Hocker. Das beweist allein schon die mickrige Anzahl Leserposts.

Wieso ich dies alles geschrieben habe? Um Rafael Martínez einen Anstoss zum Nachdenken zu geben? Jeder Koch träumt von seinem eigenen Buch und wohl jeder glaubt, die Welt mit seinen Rezeptergüssen, die sich bei genauem Hinsehen meistens nicht mal nachkochen lassen, beglücken zu müssen. Nein, das ist nicht der Grund. Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied. Das trifft auch auf Rafael Martínez zu. Er kann tun und lassen was er will. Ich möchte ihm nur aufzeigen, wie schnell man mit einem Kochbuch bei Lady Macbeth mit dem Schnurrbart im absoluten Worst-Case-Szenario landen kann. Hit oder Shit liegen bei den Kochbuch-Auflagen sehr nahe beieinander, Tendenz eher Richtung Shit.

Verkauft? Keines! Das wäre dann der Stoff für ein weiteres Kochbuch. «Die durch die Küche in die Hölle gehen». Geschrieben von Rafael Martínez. Da bräuchte er aber allerdings meine Hilfe.

LUZART Medien

3.8.2018

KROKUS - Bedside Radio

Sommer in der Zentralschweiz

Summertime, and the livin' is easy