Weinskandal bei Otto's in Sursee: Fake Wein

Weinskandal bei Otto's

Weinskandal bei Otto's

Weinskandal bei Otto's

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Trocken Trocken Trocken

Trocken Trocken Trocken

Trocken, trocken, trocken muss ein Riesling sein. Reverend O'Horror und Günther Jauch. Bild LUZART MEDIEN

Um es vorwegzunehmen: Ich habe grossen Respekt vor Mark Ineichen, mit dessem legendären Vater Otto Ineichen ich vor Jahren ein spannendes Interview führen durfte, das von einer Ehrlichkeit geprägt war, wie ich sie bei Unternehmern nur selten erlebt habe. Und nun teilt Mark Ineichens Ladenkette "Otto's" mit, dass seit Monaten beträchtliche Mengen von Fälschungen eines renommierten Weines im Umlauf seien. Der Wein sei zwar von beträchtlicher Qualität, ist und bleibe jedoch eine Fälschung. Otto's zieht nun den Fake Wein aus dem Sortiment. Der verantwortliche Weinhändler sitzt in Untersuchungshaft.

Fake Wein. An dieses unsägliche Wort werden wir uns wohl oder übel genauso gewöhnen müssen wie an Fake News. Bei dem gefälschten Fake Wein handelt es sich um «Angelo Gaja Sito Moresco 75 cl» der Jahrgänge 2014 und 2015.

«Otto's» in Sursee zieht gefälschten Wein aus dem Sortiment

«Otto's»-Chef Mark Ineichen ordnete unmittelbar nach Bekanntwerden der Fälschung eine Laboruntersuchung an. Mit dem Ergebnis, dass der Wein keine Gefahr für die Gesundheit darstelle und ausserdem von der Qualität her überraschend gut sei. «Dennoch bleibt es natürlich eine Fälschung», sagt Ineichen. Er bedauere, dass er seine Kunden enttäuscht habe, schreiben das Online-Portal ZentralPlus, die LZ, die Aargauer Zeitung, die NZZ und viele andere mehr. Das Unternehmen habe sofort reagiert und die «Kopie» (Mark Ineichens Umschreibung für «Fälschung», tönt ja irgendwie auch wirklich besser, nicht so hart wie das übelst kontaminierte Wort «Fälschung») in sämtlichen Filialen landesweit aus dem Sortiment gezogen. Übrigens: Der Händler, der den gefälschten Wein in die Schweiz importiert hat, sei inzwischen gefasst worden und sitze in Untersuchungshaft. Das ist doch tröstlich. Da sitzt er nun. Neben Doppeladlern. Und Eisenlegern. And lust but not least neben meinem Kokslieferanten aus Apulien.

Soweit so gut. Der Fake Wein soll von immerhin überraschend guter Qualität sein und keine Gefahr für die Gesundheit darstellen. Das konnte man heute quer durch alle Schweizer Medienportale und den paar verbliebenen Print-Zeitungen lesen, selbst die NZZ berichtete darüber. Das mediale Sommerloch schreit gierig nach skandalösen Stories. Die Höhlenbuben aus Thailand sind over. Gerettet. Geben nichts mehr her. Beten in einem Kloster zu Buddha.

Und Mark Ineichen lieferte. Seine Kommunikation muss man neidlos als brillant bezeichnen. Krisenbewältigung vom Feinsten. Bevor einer unserer investigativen Journalisten Wind vom Schlamassel bekommt, geht Ineichen in die Offensive und nimmt so der Brisanz der Story den Wind aus den Segeln. Dass er bei den meisten Medienprodukten durch die Inserate von Otto's ein gewichtiger Kunde ist, hilft ihm logischerweise dabei. Im arg gebeutelten Mediengeschäft will niemand einen Premium-Kunden verärgern (sehen Sie sich die neuesten Horror-Zahlen des Axel Springer-Verlags an, from Top zu Flop, oder in Zahlen von 4,5 Millionen Print-Exemplaren zu 1,2 Millionen; Google führt Sie hin). Aber so ganz von jeglicher Schuld freisprechen können wir weder Mark Ineichen als verantwortlicher CEO von Otto's noch die Fake Wein-Kunden. Klammheimlich gönnen wir's denen ein klein wenig, seien wir doch ehrlich. Teuren Wein schlürfen und nix dafür bezahlen! Irgendwann kommt die Quittung. Das Leben ist kein Honigschlecken. Lauf Forrest, lauf!

Es ist ja nun nicht so, dass wegen diesem Fake Wein-Skandälchen ein Aufschrei durch die Lande geht. Man nimmt es mit einem Schulterzucken zur Kenntnis. Wohlwissend, dass auch wir Konsumentinnen und Konsumenten unseren Teil dazu beitragen. Tag für Tag. Denn sind nicht wir es, die von unseren Detailhändlern immer und immer wieder nach neuen Tiefstpreis-Orgien rufen? Oder sogar danach schreien, wenn man gewisse Werbekampagnen («Geiz ist geil») zum Mass aller Dinge nimmt. Wenn mir Otto's in einer speziellen Aktion einen Amarone für fünf Franken anbietet, ist das zwar toll, aber sollte ich mich nicht fragen, wie solch' ein Preis bei aller smarten Cleverness von Ineichens Einkaufsteam überhaupt noch möglich ist? Kann sowas mit rechten Dingen zugehen?

Denn niemand darf behaupten, nicht gewarnt gewesen zu sein. Wein-Skandale sind ja keine Seltenheit. So berichtete BLICK am 18.2.2017 über einen gefälschten Wein der gehobenen Marke «Tignanello», den ich, Irrtum vorbehalten, auch schon mal in einer Otto's-Filiale gesichtet zu haben meine. Konjunktiv, um allfälligen Gerichtsverfahren vorzubeugen. Obschon ich bis zum heutigen Tage jeden Prozess gewonnen habe. Den letzten vor drei Jahren bei der Luzerner Staatsanwaltschaft mit summa cum laude und Doktortitel.

Dass Wein-Skandale keine Seltenheit sind, dürfte auch Mark Ineichen und seinem Team bekannt sein. Ich möchte sogar behaupten, dass ihm die Tignanello-Story bekannt ist. Mehr noch: Bekannt sein muss! Nicht, dass ich damit behaupten will, Mark Ineichen lese BLICK. Gott bewahre mich! Und vor allem Mark Ineichen. Aber Otto's lässt die Presse von ARGUS überwachen. Das ist weder verwerflich noch in irgendeiner Art und Weise anstössig. Günther Jauch tut es auch. Und der verkauft ja schliesslich ebenfalls Weine. Nebenbei. Wenn er nicht gerade irgendwen zum Millionär macht oder mit mir im Grand Hotel National über «trocken, trocken, trocken» sinniert.

Dürfte man da bei der Fülle von Skandalen von Otto's nicht verlangen, dass sensible Produkte wie Weine, die bei einer Fälschung immerhin auch die Gesundheit schädigen können, ins Labor zur Überprüfung geschickt werden, bevor sie im Regal landen? Auch wenn diese Qualitätsprüfung den Wein für uns Konsumentinnen und Konsumenten möglicherweise um ein paar Rappen verteuern würde. Da es sich bei dem jetzt inhaftierten Weinhändler um einen neuen Lieferanten von Otto's gehandelt haben dürfte, wäre das doch eigentlich nicht zu viel verlangt. Vertrauen ist gut, aber Kontrolle ist besser müsste auch die Devise bei Otto's sein. Vor allem wenn man bedenkt, in welchem Preissegment sich die Ladenkette bewegt. Wer stets Tiefstpreise liefern muss, weil das scheinbar durch die eigene Werbung in Stein gemeisselt ist, bewegt sich immer auf dünnem Eis. Dass sich da ein wie eine Zitrone ausgepresster Lieferant aus Südapulien, Anatolien oder China auch mal krimineller Methoden bedient, ist moralisch zwar verwerflich, menschlich aber verständlich.

Sie sehen, geneigtes Publikum (ich frage mich schon lange, woher dieser unselige Ausdruck vom geneigten Publikum kommt*), ich kann weder Sie noch mich als Konsumentinnen und Konsumenten in der Opferrolle der Betrogenen akzeptieren und schon gar nicht Mark Ineichen. Trotz brillantester Kommunikation. Zum Betrug braucht es immer zwei. Einen, der betrügt und einen, der sich betrügen lässt. Wer war zuerst? Das Huhn oder das Ei? Der panschende Weinhändler, der Schnäppchenjäger oder Mark Ineichen?

So öffne ich nun eine Flasche «Momentum Solare» aus der abtrünnigen Region Katalanien und gebe mich der Philosophie um Betrüger und Betrogene hin. Und bevor ich überhaupt den ersten Schluck dieses feinen roten Tropfens von der DENNER-Halbpreis-Aktion geniesse, jagt ein Gedanke durch meinen Kopf: Wer sind eigentlich die Verlierer auf unserer täglichen Jagd nach Tiefstpreisen? Sie, weil Sie einen gepanschten Otto's-Wein gekauft haben? Ich, weil ich meine Kiste «Momentum Solare» am Freitag gekauft habe statt am Samstag, an dem ich zusätzlich zum Halbpreis-Angebot noch 20 Prozent Rabatt erhalten hätte? Oder ist es Mark Ineichen, der nicht nur einen seiner vielen Tiefstpreis-Lieferanten in die Untersuchungshaft abgeben musste, sondern jetzt wohl befürchten muss, noch ein paar weitere Leichen im Keller zu haben? Es muss ja nicht unbedingt der Weinkeller sein.

Nein, ich vermute, es sind diejenigen, von denen niemand redet und die wir Gläubigen der allein seligmachenden Wertschöpfungskette alle nur zu gerne ausblenden: Die Arbeiter mit ihren Familien und Kindern. Die untersten der Wertschöpfungskette. Die für uns die Früchte im Schweisse ihres Angesichts anbauen, ernten und verarbeiten oder damit Produkte produzieren, von deren Ertrag sie kaum leben können. Zu viel zum Sterben und zu wenig, um zu leben. Und das alles nur, damit wir in glänzenden Einkaufspalästen unsere tägliche Gier nach Tiefstpreisen befriedigen können. Weit haben wir's gebracht in der Evolutionsgeschichte. Zeit abzutreten, denn umdenken geht nicht. Leider.

Ich empfehle Ihnen das Video «Europas dreckige Ernte».

Einfach nur so. Damit Sie alle wissen, wovon ich rede. Prosit! Der «Momentum Solare» ist nicht nur ein Schnäppchen sondergleichen, sondern auch wirklich fein, fruchtig im Aroma, aber etwas herb im Abgang. Was immer das bedeuten mag. Vielleicht Diarrhoe?

LUZART Medien

Video ZVG: Mhoch4

26.7.2018

  • * Wer mir hier eine wirklich vernünftige Erklärung liefert, erhält eine Flasche Otto's-Wein! Nach meinen Preis-Vorstellungen. Mail genügt. joe@luzart.ch

Nachtrag

Ich habe BLICK (in meinen Gedanken) Unrecht getan. Nachdem alle, aber auch wirklich alle Print- und Onlinemedien über Otto's Weinskandal sofort berichteten, fehlte ausgerechnet eine entsprechende Story vom Boulevard-Primus BLICK. Das kam mir sehr eigenartig vor und ich begründete (für mich) diese Eigenartigkeit mit der Tatsache, dass Otto's bei BLICK sowohl im Print- wie auch im Onlinegeschäft ein Key-Werbekunde ist. Da lässt auch die Boulevard-Tante von der Dufourstrasse schon mal den Fünfer grade sein. Doch ich habe mich geirrt. Mit grosser Verspätung, die ich auf die eingehenden Recherchen von BLICK zurückführe, wurde am 4. August nachstehender Artikel präsentiert, in dem allerdings Mark Ineichens Marketingstrategie, die ich in meinem Artikel über den grünen Klee gelobt habe, nicht mehr so richtig zum Tragen kommt und eher etwas hilflos, wenn nicht gar negativ wirkt:

Otto's bringt Weinfälschungen in Umlauf

Doch nicht genug damit: Noch am gleichen Tag doppelt BLICK nach.

Italiens Wein-Ikone Angelo Gaja (78) im Exklusiv-Interview

«Otto's hat allerdings fahrlässig gehandelt, als man 17'000 Flaschen kaufte – wenn man weiss, dass 20'000 Flaschen jährlich offiziell in die Schweiz gehen. Da müsste man schon ein bisschen nachdenken.» So steht's geschrieben!

Da kann ich vor BLICK tatsächlich nur noch den Hut ziehen. Chapeau!

Günther Jauch verkauf jetzt Wein bei ALDI

Sommer in der Zentralschweiz

Summertime, and the livin' is easy