Luzerner Flüchtlinge wehren sich gegen Benimm-Flyer

Asylsuchende werfen der Luzerner Regierung vor, sie als Wilde hinzustellen und unnötig Öl ins Feuer zu giessen. In einem offenen Brief machen sie ihrem Ärger Luft.

Eine Woche vor der Fasnacht hat die Luzerner Regierung einen Flyer mit Verhaltensregeln herausgegeben. Diese wurden daraufhin in den Asylzentren im Kanton verteilt. Die rund 20 Piktogramme thematisieren die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau sowie unerwünschten Körperkontakt und sexuelle Gewalt. In Luzern versuchte man mit diesem Mittel sexuelle Übergriffe wie in der Silvesternacht in mehreren europäischen Städten zu verhindern.

Der Flyer stösst bei Flüchtlingen auf Unverständnis. In einem offenen Brief an die Regierung des Kantons Luzern, der in der «Neuen Luzerner Zeitung» erschienen ist, machen sie ihrem Unmut Luft. Man fühle sich durch die Aktionen der letzten Wochen gekränkt. «Sexuelle Übergriffe sind keine Frage der Herkunft, sondern eine Frage des fehlenden Anstands», schreiben die Flüchtlinge.

Bereit für eine Diskussion

Die Verfasser kritisieren: «Sie haben uns als Wilde hingestellt, die aufgeklärt werden müssen. Damit giesst die Regierung zusätzlich Öl ins Feuer und provoziert uns gegenüber Rassismus.» Sie seien ebenfalls an einem guten Umgang zwischen den Geschlechtern interessiert und daher bereit, eine Diskussion darüber zu führen. Für viele sei es aber schwierig, die lokalen Menschen und Werte kennenzulernen, da sie oftmals monatelang in Bunkern untergebracht werden.

Süleyman Özbayhan hat den Brief mitverfasst. «Die Aufklärungskampagne der Regierung stellt uns unter Generalverdacht. Sie werfen uns alle in einen Topf und das stört uns», sagt er zum Sender SRF in der Sendung «Tagesschau».

Kaum Vorfälle

Der Luzerner Regierungsrat Guido Graf kann die Kritik nicht nachvollziehen und stellt klar, dass der Flyer für alle und nicht nur für Flüchtlinge gelte. «Der Auslöser waren die Vorkommnisse in Köln und die verschiedenen Rückmeldungen, die wir aus der Bevölkerung erhalten haben. Wir haben diesen Flyer präventiv ins Leben gerufen, denn wir wollen keine Probleme an der Luzerner Fasnacht», sagt der CVP-Politiker in der «Tagesschau».

Nach Angaben der Luzerner Polizei verlief die diesjährige Fasnacht soweit äusserst ruhig und friedlich. Bislang sei ein Fall von sexueller Belästigung gemeldet worden. Den Polizisten seien insgesamt weniger stark betrunkene Jugendliche aufgefallen als in anderen Jahren, sagte ein Sprecher am Freitag zur Nachrichtenagentur sda.

7.2.2016

ZST Zentralschweizer Tafelrunde

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