SBB-Unfälle in Bern und Luzern – Ist die Mini-Weiche schuld?

Bei den Zugunfällen in Luzern und Bern könnte die sogenannte 40er-Weiche eine Rolle spielen. Das glauben jedenfalls Insider.

Die Lokführer nennen sie «40er-Weiche». Sie ist die engste Weiche auf dem SBB-Schienennetz. Sie heisst so, weil die Züge mit maximal 40 Stundenkilometern darüber fahren dürfen. Sie könnte der Schlüssel für die beiden Zugentgleisungen in Luzern und Bern sein. Mehrere Quellen aus Bähnlerkreisen sagen gegenüber SonntagsBlick, dass die beiden Züge kurz vor dem Unglück über verschachtelte Weichen mit engen Radien gefahren sind.

Noch ist unklar, was genau zu den Unfällen führte. Vor allem die Entgleisung in Luzern, bei der zahlreiche Passagiere verletzt wurden, dürfte die SBB noch länger beschäftigen. Die Untersuchung des Falles werde noch Monate dauern, teilte die Schweizerische Sicherheitsuntersuchungsstelle (Sust) am Freitagabend mit.

Triebzüge können leichter entgleisen

SonntagsBlick hat sich bei Lokführern und Bahnexperten umgehört. Es ist zu spüren: Der Schock sitzt tief, der Stolz ist angekratzt. Eine populäre Hypothese ist, dass in beiden Fällen die Lokführer zu schnell gefahren sind. «Fährt man zu schnell über die 40er-Weiche, lupft es den Zug sofort», sagt ein Insider. Kommt hinzu: Beide entgleiste Kompositionen waren so genannte Triebzüge – es gibt keine Lok, der Antrieb ist über die ganze Komposition verteilt. Diese Züge sind tendenziell leichter, sie können bei überhöhter Geschwindigkeit deshalb auch einfacher entgleisen.

Zweifel an dieser Version hat Walter von Andrian, Chefredaktor der «Schweizer Eisenbahn-Revue». «Wenn zu schnelles Fahren zu Unfällen führt, lässt sich dies schnell nachweisen, da die Fahrgeschwindigkeit registriert wird.» Dann braucht es keine monatelange Untersuchung.

Spekuliert wird deshalb auch, ob die Weiche selbst der Grund für die Entgleisung war. Die 40er-Weiche ist tendenziell alt. Womöglich werde sie ersetzt, sagt ein weiterer Insider, der nicht genannt werden möchte. Die Zunge, der bewegliche Teil der Weiche, ist extrem kurz. Die Folge: Weil man nur mit Tempo 40 drüberfahren darf, wird der Verkehr gebremst.

Grosser Aufklärungsbedarf

Sie SBB mussten in den vergangenen Tagen Kritik für ihr Schienennetz einstecken. «Das SBB-Netz entwickelt sich zum Flickwerk. Statt systematisch ganze Gleisabschnitte zu sanieren, werden immer nur die kurzfristig aufgetretenen Schäden behoben», sagt Bahnexperte von Andrian. Er betont aber, dass seine Kritik auf die Infrastruktur der SBB im Gesamten ziele. Für ein Urteil in diesen konkreten Fällen sei es zu früh.

Möglich sind aber auch Mängel an den Zügen oder eine Kombination verschiedener Ursachen. Der Aufklärungsbedarf ist jedenfalls gross. Zwar gingen beide Unfälle relativ glimpflich aus. Die grosse Frage aber ist: Ist es purer Zufall, dass innerhalb einer Woche zwei so ähnliche Unfälle passierten – oder steckt mehr dahinter?

Zwar ist noch nicht klar, ob die SBB für die Unfälle eine Verantwortung tragen. Trotzdem sind die Bundesbahnen unter Druck. Eine Interview-Anfrage von SonntagsBlick an SBB-Infrastrukturchef Philippe Gauderon (61) wurde abgelehnt. Dies würde nur Spekulationen anheizen, so die Begründung. Am Freitagabend gab Gauderon dann doch ein Interview – dem eigenen Mediensprecher. Die SBB publizierten es über den Kurznachrichtendienst Twitter.

Quelle: Blick

2.4.2017

ZST Zentralschweizer Tafelrunde

Bild ZST Zentralschweizer Tafelrunde