Tagung im Laboratorium Luzern zur digitalisierten Gesellschaft

Mit drei Referaten und einer Diskussionsrunde hat sich die Tagung im Laboratorium Luzern mit den Herausforderungen der digitalisierten Gesellschaft auseinandergesetzt. Die neue Welt zeigt ihre Auswirkungen auch im Suchtbereich. Gefragt sind neue Ansätze bei der Prävention und Integration – einfach sind die nicht zu finden, darin waren sich die Fachleute und das zahlreiche Publikum aus rund 45 sozialen Institutionen einig.

Dass die Tagung am „Digital-Tag“ stattgefunden hat, war zwar ein Zufall, allerdings ein passender: Während fünf Stunden drehte sich alles um die digitale Revolution mit ihren rasanten Veränderungen in allen Bereichen der Gesellschaft. Der „Homo Digitalis“ hat Einzug gehalten und er muss immer schneller, effizienter und flexibler sein, damit er sozial und beruflich integriert ist. Die Biologin und Ethikerin Julia Wolf zeigte in ihrem Referat rund um den Begriff „Neuro-ENHACEMENT“ auf, wie bereits heute mit pharmazeutischen Substanzen und technischen Mitteln das Hirn gedopt und getunt wird. „Ziel und Zweck davon ist, den Menschen zu optimieren“, bringt sie es auf den Punkt. Erreicht werden soll das beispielsweise mit Elektro-Stimulation-Apps oder mit Medikamenten wie etwa Ritalin oder Modafinil, die eigentlich verschreibungspflichtig sind. Doch heute ist es auch gesunden Menschen möglich, sich solche Stimmungsaufheller und Leistungshelfer online zu besorgen. Das Gleiche gilt für synthetische Drogen, von denen ständig neue auf dem Markt zu haben sind. Fazit: Der digitale Stress führt einerseits zu neuem Konsumverhalten und gleichzeitig ermöglicht das Internet einen einfacheren Zugang zu legalen und illegalen Suchtsubstanzen. Zudem kann das Online-Verhalten selber zur Sucht werden, weil genauso wie bei allen Süchten mit dem „Belohnungs-System“ interagiert und durch Klicks und Likes viel Dopamin ausgeschüttet wird. Wie also umgehen mit diesen sozialen und gesellschaftlichen Herausforderungen? „Verantwortung hat, wer teilnimmt“, sagt Julia Wolf und führt aus, dass damit alle gemeint sind: Die Konsumierenden genauso wie die Anbieter und Hersteller von Produkten, Substanzen oder Programmen.

Digitale Kompetenzen sind unabdingbar im Alltag 4.0

Wie einschneidend die Veränderung im Arbeitsalltag 4.0 sind, erläuterte Daniel Schaufelberger. „Digitale Kompetenzen sind immer wichtiger: Das gilt für die sich wandelnden Berufsfel der genauso, wie bei der Stellensuche“, sagt der Organisationsentwickler und Dozent. Wer hier nicht mithalten kann, hat es zunehmend schwierig, im Arbeitsmarkt Fuss zu fassen und von der digitalen Revolution nicht abgehängt zu werden. „Es braucht neue Innovationen und Beschäftigungs-Modelle, damit zukunftsfähige Lösungen gefunden werden“, sagt er. Nicht nur soziale Institutionen seien hier in der Pflicht, sondern auch Versicherungen müssten da-rauf eingehen, dass sich die Verhältnisse auf dem Arbeitsmarkt komplett im Umbruch befinden. Schaufelberger zeigt sich überzeugt, dass durch die Digitalisierung zwar viele Jobs wegfallen oder sich grundsätzlich verändern werden, dafür aber auch Neues entstehen wird. „Es ist nicht das erste Mal, dass sich die Arbeitswelt so grundsätzlich verändert“, sagt er und schlägt den Bogen zum Beginn der Industrialisierung. Die Erfahrungen von damals, sieht er auch als Chance: „Wir können aus der Vergangenheit lernen, indem wir die Zukunft aktiv mitgestalten.“ Wie genau das konkret aussehen kann, bleibt allerdings offen. Dass dies bei sozialen Institutionen ein grosses Thema ist, zeigen auch die Fragen und Inputs aus dem Publikum.

Einstehen für die Integration Suchtbetroffener

Eine erfrischende und pragmatische Sicht auf die Integration von Suchtbetroffenen gab, das von Claudio Brentini moderierte „Palaver“ mit Daniel Schaufelberger und Rolf Bossert. Der SVP-Kantonsrat und Unternehmer erzählte, wie er in seiner Firma aktiv und unkompliziert jenen eine Chance gibt, die von der geradlinigen Strasse abgekommen sind. „Als ehemaliges Verdingkind weiss ich, wie wichtig es ist, dass in schwierigen Situationen jemand eine Leiter parat hält“, sagt er und setzt das seit Jahren konkret um, indem er jährlich einen Ausbildungsplatz für solche Leute anbietet. Dass es in Schweizer KMU’s noch engagierte Patrons wie Rolf Bossert gibt, weiss auch Daniel Schaufelberger. „Aber leider entspricht diese gute Geschichte nicht der Norm“, relativiert er und bemängelt, dass genau dieses gesellschaftliche Verantwortungsgefühl bei vielen internationalen Firmen eben nicht vorhanden sei.

Zum Abschluss der Tagung steht ein gesellschaftlicher, politischer und philosophischer Diskurs von Iwan Rickenbacher auf dem Programm. Nach einem historischen Rückblick über die jahrtausendealte Geschichte von bewusstseinsverändernden Substanzen, geht der Präsident des Fachverbands Sucht und ehemalige CVP-Generalsekretär noch einmal auf die vorangegangen Inputs bezüglich der digitalisierten Gesellschaft 4.0 ein, die sowohl bei ihm wie beim Publikum intensiv nachhallen. „Die Migros-Kassierin wird nicht von einem Tag auf den anderen zur Webdesignerin“, illustriert er die aktuelle Situation. Damit nicht Wenige auf der Gewinnerseite und viele auf der Verliererseite stehen würden, brauche es auf allen Ebenen einen umfassenden und umsichtigen Dialog. Ein Fazit, das vermutlich alle rund 90 Anwesende unterschreiben würden und das Rickenbacher mit einem schönen Schlusssatz noch einmal unterstreicht: „Die heutige Tagung hat eindrücklich gezeigt, dass die unterschiedlichsten Disziplinen und Wissensbereiche dazu beitragen können, die bekannten und die neuen Herausforderungen zu meistern.“

30.10.2018

Dem Himmel zu wir streben (aus Lohengrin)